NMOSD oder MS
Agenturfoto mit Model gestellt. © gettyimages/DigitalVision

Diagnose

Expertenvortrag: „NMOSD oder MS – warum ist der Unterschied so praxisrelevant?“

Wie lassen sich NMOSD und MS unterscheiden? Und warum ist es wichtig, eine NMOSD frühzeitig richtig zu diagnostizieren? Antworten darauf gibt Priv.-Doz. Dr. Mathias Buttmann in seinem Vortrag. Er ist Chefarzt der Klinik für Neurologie im Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim.

Aufgrund der ähnlichen Symptomatik wurde NMOSD lange als eine Variante der Multiplen Sklerose (MS) mit ungünstiger Prognose angesehen. Heute gilt NMOSD als eigenständiges, von der MS getrennt zu betrachtendes Erkrankungsbild. Dennoch erhalten immer noch über ein Drittel der Menschen mit NMOSD zunächst die falsche Diagnose „MS“. Welche hohe Relevanz die richtige und frühzeitige Diagnose „NMOSD“ für die Praxis besitzt, erläutert Dr. Buttmann in seinem Vortrag. Doch zunächst blickt er auf die Gemeinsamkeiten sowie die Unterschiede beider Erkrankungen.

Ähnliche Symptomatik – und eine Besonderheit

Die Symptomatik der NMOSD kann gerade zu Beginn der MS zum Verwechseln ähnlich sein, so Dr. Buttmann. Zu den häufigsten Symptomen der NMOSD gehören schubförmig auftretende Sehstörungen, Missempfindungen, Probleme mit der Motorik oder dem Gleichgewicht sowie Funktionsstörungen der Harnblase und des Darms – alles Symptome, die auch an eine MS denken lassen. Doch es gibt eine wichtige Besonderheit, bei der laut Dr. Buttmann immer an eine mögliche NMOSD gedacht werden sollte: das sogenannte Area-postrema-Syndrom. Es tritt bei bis zu 10 Prozent der Patient:innen als isoliertes Syndrom zu Krankheitsbeginn auf, bei bis zu 15 Prozent isoliert im Verlauf und in Kombination mit anderen Symptomen darüber hinaus noch häufiger. Bei MS-Patient:innen kommt es dagegen extrem selten vor. Das Area-postrema-Syndrom äußert sich in anhaltender oder wiederkehrender Übelkeit, unstillbarem Erbrechen oder Dauer-Schluckauf. Die oft quälende Symptomatik spricht bei NMOSD meist rasch und gut auf eine Immuntherapie an.

MS und NMOSD: ähnlich und doch so unterschiedlich

Im Vergleich zu den geschätzt 250.000 MS-Erkrankten in Deutschland kommt NMOSD mit etwa 1.500 Betroffenen selten vor. Beide Erkrankungen treten bei Frauen häufiger auf, wobei der Geschlechterunterschied bei NMOSD deutlich größer ist, erläutert Dr. Buttmann. So betrifft sie sechs- bis neunmal häufiger Frauen als Männer. Auch der Krankheitsverlauf beider Erkrankungen weist Unterschiede auf: Die MS verläuft immer von Beginn an schleichend – auch bei den schubförmigen Verläufen. Bei der NMOSD entstehen die – häufig bleibenden – Behinderungen und neurologischen Einschränkungen nach derzeitigem Wissensstand dagegen ausschließlich durch Schübe. Dr. Buttmann betont zudem, dass die Schübe bei NMOSD wegen zerstörerischer Entzündungsvorgänge insgesamt bedrohlicher sind als bei MS. Das verdeutlicht, wie wichtig es ist, weitere Schübe bei NMOSD möglichst effektiv zu verhindern – und das bereits konsequent ab dem ersten Schub.

NMOSD sicher diagnostizieren und richtig behandeln

Während die akute Schubtherapie mit Kortison und Plasma-Austauschverfahren bei NMOSD im Prinzip der bei MS ähnelt, sind viele verlaufsmodifizierende MS-Therapien nicht nur unwirksam, sie können den Krankheitsverlauf der NMOSD sogar verschlimmern. Dank intensiver Forschung sind mittlerweile verschiedene spezifische NMOSD-Therapien zugelassen. Um diese frühzeitig einsetzen zu können und eine falsche Therapie zu verhindern, ist es wichtig, NMOSD richtig und frühzeitig zu diagnostizieren. Es lohnt sich also das Krankheitsbild der NMOSD im Hinterkopf zu haben.

Dieser Beitrag stellt teilweise Expertenmeinungen sowie die klinische Praxis dar und beruht auf folgenden Quellen:

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